Gute Nacht
Gute-Nacht-Gedichte: Klassiker für den Abend und eigene Verse
Ein Gute-Nacht-Gedicht darf zwei Zeilen haben oder drei Strophen – wichtig ist der ruhige Ton. Hier finden Sie zehn gemeinfreie Abend- und Nachtgedichte, von Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh“ bis Rilkes „Abend“, jeweils vollständig und mit Fundstelle. Dazu kommen sechs eigene kurze Verse zum Verschicken sowie je ein Gedicht für den Schatz und für Kinder.

Ein Gedicht am Abend ist ein kleiner Übergang: Der Tag wird leiser, und am Ende steht ein Bild, das man mit in den Schlaf nimmt. Die zehn Gedichte hier stammen von Dichtern, die seit mehr als 70 Jahren tot sind. Jeder Text ist Zeichen für Zeichen mit einer digitalen Ausgabe verglichen; Rechtschreibung und Satzzeichen folgen dieser Vorlage, auch wo sie heute ungewohnt wirken.
Klassische Gute-Nacht-Gedichte
Manche Gedichte trösten, andere regen zum Nachdenken an – die Einordnung unter jedem Text hilft bei der Auswahl. Wer nur eine Zeile für heute braucht, findet sie beim Gute-Nacht-Gruß des Tages.
Wandrers Nachtlied
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Ausgabe letzter Hand, Bd. 1, 1827 (gedruckt 1780), Quelle: Wikisource
Goethe bittet in acht Zeilen um Frieden für ein müdes Herz – eher ein Gebet als ein Gruß. 1780 druckte es Johann Conrad Pfenninger in seinem „Christlichen Magazin“ in Zürich. In Goethes Werken steht es auf derselben Seite wie das nächste Gedicht, das sich darauf bezieht.
Ein gleiches („Über allen Gipfeln …“)
Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh’,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Ausgabe letzter Hand, Bd. 1, 1827 (entstanden 1780), Quelle: Wikisource
„Ein gleiches“ heißt: noch ein Nachtlied derselben Art. Laut Stadt Ilmenau schrieb Goethe die Verse am 6. September 1780 an die Wand einer kleinen Schutzhütte auf dem Kickelhahn; die Hütte brannte 1870 ab und wurde vier Jahre später wieder aufgebaut. Heute kann man das Gedicht dort in 16 Sprachen lesen. Das „balde / Ruhest du auch“ lässt sich als Schlaf verstehen oder als Tod – vor dem Einschlafen klingt es wie die Erlaubnis, aufzuhören.
Nachtlied
Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!
Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich's weben,
Welches das meine verdrängt.
Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.
Friedrich Hebbel (1813–1863), Nachtlied, 1836, Quelle: Projekt Gutenberg-DE
Hebbel schrieb das „Nachtlied“ am 6. Mai 1836 als Student in Heidelberg; im Dezember druckte es das „Morgenblatt für gebildete Stände“. Erst ist die Sternennacht fast zu groß für das Herz, dann kommt der Schlaf „wie dem Kinde die Amme“. Ein Gedicht für Abende, an denen alles ein bisschen viel war.
Um Mitternacht
Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtets nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süsser noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.
Eduard Mörike (1804–1875), Gedichte, Ausgabe 1906, Quelle: Projekt Gutenberg-DE
Bei Mörike tritt die Nacht als Gestalt auf: Sie steigt ans Land, lehnt sich an die Berge und hört den Quellen zu, die noch vom Tag erzählen. Wer abends nicht abschalten kann, findet sich darin wieder – das Wasser redet weiter, aber die Nacht „achtets nicht“.
Mondnacht
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Aehren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Joseph von Eichendorff (1788–1857), Sämmtliche Werke, Bd. 1, 1864 (entstanden 1835), Quelle: Wikisource
Eichendorff beschreibt eine sternklare Nacht, in der Himmel und Erde einander berühren. Robert Schumann nahm das Gedicht 1840 in seinen Liederkreis op. 39 auf. Gelesen wirkt es genauso: drei Strophen, an deren Ende die Seele „nach Haus“ fliegt.
Nacht liegt auf den fremden Wegen
Nacht liegt auf den fremden Wegen, –
Krankes Herz und müde Glieder; –
Ach, da fließt, wie stiller Segen,
Süßer Mond, dein Licht hernieder.
Süßer Mond, mit deinen Strahlen
Scheuchest du das nächt’ge Grauen;
Es zerrinnen meine Qualen,
Und die Augen überthauen.
Heinrich Heine (1797–1856), Buch der Lieder, 1827, Quelle: Wikisource
Heine veröffentlichte die beiden Strophen 1827 im „Buch der Lieder“, im Zyklus „Die Heimkehr“. Ein Wanderer ist fremd und müde – bis das Mondlicht „wie stiller Segen“ auf ihn fällt. Ein Gedicht für alle, die heute nicht zu Hause schlafen.
Gode Nacht
Oever de stillen Straten
Geit klar de Klokkenslag:
God’ Nacht! Din Hart will slapen
Un morgen is ok en Dag.
Din Kind liggt in de Wegen,
Un ik bün ok bi di;
Din Sorgen un din Leven
Is allens um un bi.
Noch eenmal lat uns spräken:
Goden Abend, gode Nacht!
De Maand schient op de Däken,
Uns’ Herrgott hölt de Wacht.
Theodor Storm (1817–1888), Die Gartenlaube, 1864, Quelle: Wikisource
Storm schrieb dieses Gute-Nacht-Gedicht auf Plattdeutsch. Die „Gartenlaube“ druckte es 1864 und nannte es in einer Fußnote das Abendlied eines schleswig-holsteinischen Flüchtlings, der nach Jahren im Exil heimgekehrt sei. Sinngemäß auf Hochdeutsch: Über die stillen Straßen klingt der Glockenschlag; dein Herz will schlafen, und morgen ist auch ein Tag. Der Mond scheint auf die Dächer, unser Herrgott hält die Wacht.
Abend
Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt:
und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das was Stern wird jede Nacht und steigt –
und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.
Rainer Maria Rilke (1875–1926), Das Buch der Bilder, 2. Auflage 1906, Quelle: Wikisource
Rilke zeigt den Abend als Übergang: Die Welt teilt sich in einen Himmel, der aufsteigt, und eine Erde, die versinkt – und der Mensch steht dazwischen. Ein Gedicht für Erwachsene, die am Abend noch einen Gedanken mitnehmen möchten.
Gedicht für den Schatz
Viele Liebesgedichte über die Nacht sind lang. Nikolaus Lenaus „Bitte“ braucht nur acht Zeilen, in denen ein Blick und die Nacht ineinander übergehen.
Bitte
Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!
Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.
Nikolaus Lenau (1802–1850), Bitte, 1832, Quelle: Projekt Gutenberg-DE
Das „dunkle Auge“ kann die Nacht selbst sein oder ein geliebter Mensch – diese Doppeldeutigkeit macht Lenaus Gedicht zur Liebeserklärung für den späten Abend. Persönlicher wird es mit dem eigenen Vers für den Schatz weiter unten und den Grüßen unter Gute Nacht, Schatz.
Gute-Nacht-Gedichte für Kinder
Für Kinder zählt der Klang: Reime, Namen und ein Bild, das man sich vorstellen kann. Christian Morgensterns Spatzen haben alles davon.
Die drei Spatzen
In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.
Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!
Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.
Sie hör’n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.
Christian Morgenstern (1871–1914), Klein Irmchen, 1921, Quelle: Wikisource
„Die drei Spatzen“ erschien 1921, sieben Jahre nach Morgensterns Tod, im Kinderbuch „Klein Irmchen“. Kinder können die Namen bald mitsprechen, und beim „dicht an dicht“ rücken viele von selbst ein Stück näher. Für längere Abende gibt es zwölf neue Gute-Nacht-Geschichten zum Vorlesen; das Kindergebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“ von Luise Hensel steht beim Abendgebet.
Sechs eigene kurze Gute-Nacht-Verse
Diese Verse hat die Redaktion für diese Seite neu geschrieben. Sie sind kurz genug für eine Nachricht und dürfen gern verschickt werden. Weitere kurze Texte stehen bei den Gute-Nacht-Sprüchen und den fertigen Gute-Nacht-Grüßen für WhatsApp.
Für alle, die heute viel getragen haben
Leg ab, was heute schwer war,
die Nacht hält es für dich.
Und was du morgen brauchst,
das bringt das Morgenlicht.
Eigener Vers der Redaktion
Für den Schatz
Ich lösch das Licht und denk an dich,
die Decke reicht für zwei.
Und bist du heute fern von mir,
dann träum ich dich herbei.
Eigener Vers der Redaktion
Für Kinder
Der Mond knipst seine Lampe an,
die Sterne sind bereit.
Dein Teddy hält heut Nacht die Wacht –
schlaf gut, es ist so weit.
Eigener Vers der Redaktion
Für Freunde, zum Verschicken
Bevor ich jetzt das Handy weglege,
schick ich dir noch ein kleines Licht.
Schlaf gut – und falls du grübelnd wach liegst:
Du bist nicht allein. Vergiss das nicht.
Eigener Vers der Redaktion
Wenn die Gedanken kreisen
Die Sorgen dürfen draußen warten,
sie kennen ja den Weg.
Heut Nacht ist hier nur Platz für dich
und Ruhe, die sich legt.
Eigener Vers der Redaktion
Zwei Zeilen für die Karte
Der Himmel zieht die Decke zu –
schlaf gut und finde deine Ruh.
Eigener Vers der Redaktion
„Der Mond ist aufgegangen“: ein Lied für den Abend
Das „Abendlied“ von Matthias Claudius (1740–1815) fehlt in der Liste mit Absicht. Claudius schrieb den Text 1779; Johann Abraham Peter Schulz gab ihm 1790 die Melodie, mit der ihn viele bis heute auswendig kennen. Im Evangelischen Gesangbuch steht es als Lied Nr. 482 – und Liedtexte geben wir nicht im Wortlaut wieder. Den vollständigen Text finden Sie bei Wikisource, geistliche Worte für die Nacht beim Gute-Nacht-Segen.
Darf man die Gedichte verschicken?
Ja. Nach § 64 Urheberrechtsgesetz erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers, gerechnet ab dem Ende des Todesjahres (§ 69). Alle zehn Dichter hier sind vor 1956 gestorben, ihre Gedichte also gemeinfrei. Neue Übersetzungen, Vertonungen, Illustrationen oder Hörbuchaufnahmen können dagegen eigene Rechte haben.
Nennen Sie trotzdem die Quelle, denn viele Gedichte kursieren in abweichenden Fassungen. Und lesen Sie abends langsamer als gewohnt, mit einer kleinen Pause am Zeilenende; kurze Texte wie Goethes Nachtlieder vertragen es, zweimal gelesen zu werden. Das Gegenstück für den Tagesbeginn sind die Morgengedichte.
Quellen
- Wikisource: Wandrers Nachtlied und Ein gleiches (Goethe’s Werke, Ausgabe letzter Hand, Bd. 1, 1827)
- Wikisource: Mondnacht (Eichendorff, Sämmtliche Werke, 2. Auflage 1864) und Liederkreis op. 39 (Schumann, 1840)
- Wikisource: Nacht liegt auf den fremden Wegen (Heine, Buch der Lieder, 1827)
- Wikisource: Gode Nacht (Storm, Die Gartenlaube 1864, S. 725)
- Wikisource: Abend (Rilke, Das Buch der Bilder, 1906) und Die drei Spatzen (Morgenstern, Klein Irmchen, 1921)
- Projekt Gutenberg-DE: Um Mitternacht (Mörike), Nachtlied (Hebbel), Bitte (Lenau)
- Friedrich-Hebbel-Gesellschaft: Lebenschronik (Einträge 6. Mai und 27. Oktober 1836)
- Stadt Ilmenau: Goethehäuschen auf dem Kickelhahn
- Evangelische Kirche in Deutschland: EG 482 – Der Mond ist aufgegangen; Wikisource: Abendlied (Claudius, 1782)
- Bundesministerium der Justiz: § 64 und § 69 Urheberrechtsgesetz
Häufige Fragen
Welches Gedicht passt als kurzer Gute-Nacht-Gruß?
Goethes „Ein gleiches“ („Über allen Gipfeln ist Ruh“) hat nur acht kurze Zeilen und passt in jede Nachricht. Ebenfalls kurz sind Lenaus „Bitte“ und Heines „Nacht liegt auf den fremden Wegen“. Noch knapper sind die sechs eigenen Verse auf dieser Seite.
Ist „Der Mond ist aufgegangen“ ein Gedicht oder ein Lied?
Matthias Claudius schrieb den Text 1779, Johann Abraham Peter Schulz komponierte 1790 die Melodie, mit der ihn viele bis heute kennen. Im Evangelischen Gesangbuch steht es als Lied Nr. 482. Deshalb zitieren wir es hier nicht, sondern verlinken den vollständigen Text bei Wikisource.
Was bedeutet der Titel „Ein gleiches“?
Goethe stellte das Gedicht in seinen Werken direkt hinter „Wandrers Nachtlied“. „Ein gleiches“ meint: ein weiteres Gedicht derselben Art, also ein zweites Nachtlied desselben Wanderers.
Darf ich die Gedichte ausdrucken oder in eine Karte schreiben?
Ja. Alle zehn Dichter sind seit mehr als 70 Jahren tot, ihre Texte sind nach § 64 Urheberrechtsgesetz gemeinfrei. Nennen Sie trotzdem den Namen des Dichters – das ist fair und hilft beim Wiederfinden.
Welches Gute-Nacht-Gedicht eignet sich für Kinder?
Christian Morgensterns „Die drei Spatzen“: kurze Reimpaare, drei Namen und ein warmes Bild. Für Kleinkinder reichen oft vier Zeilen wie der Kinder-Vers unter den eigenen Versen. Längeres zum Vorlesen finden Sie bei den Gute-Nacht-Geschichten.
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